die tageszeitungvom 16.8.2000

Neue Kunst im Turm

Die Schönheit der Provinz, Teil 2: Die Künstlergruppe OHa-Kunst präsentiert sich und andere seit vier Jahren im Wasserturm von Eutin  - Von Hajo Schiff

Der Goethemaler Tischbein und der Homerübersetzer Johann Heinrich Voß lebten in der Ostholsteiner Kreisstadt Eutin, der Komponist Carl Maria von Weber wurde dort geboren. Neben dem historischen Schloss und einer alten Kirche, mehreren Seen und großem Park gibt es auch an der höchsten Stelle des Ortes seit 1906 einen Wasserturm. Diese neogotische Stadtkrone mit Aussichtsterrasse ist 38 Meter hoch und dient nach wie vor als Spitzenzeitreservoir der Wasserwerke. Nach seiner aufwendigen Restaurierung vor einigen Jahren haben die Stadtwerke Eutin ihn der Künstlergruppe OHa-Kunst als Produzentengalerie zur Verfügung gestellt, die in den Sommermonaten das für solche Präsentationen eher ungewöhnliche Gebäude mit regionaler und internationaler Kunst bespielt.

Da macht der Eutiner Bildhauer Frank Raendchen, Mitgründer und Hauptmotor des Vereins, gemeinsam mit der dänischen Fluxuslegende Henning Christiansen Performances mit Findlingen, Sound und Kartoffelrutsche aus Sanitärelementen, da lässt die Berliner Komponistin Ute Wassermann im runden Raum mit seiner Wendeltreppe ihre bemerkenswerte Stimme hören, da zentriert der in Travemünde geborene Hamburger Klangkünstler Andreas Oldörp mittels eines drei Meter langen Glasrohrs mit einer Gasflamme die Architektur durch einen sanft schwebenden Ton, und der aus Norwegen stammende dänische Lichtkünstler Thorbjörn Lausten arbeitet unter dem schweren Wasserbehälter mit Lichtsetzungen.

Der künstlerisch schwierig zu bespielende Raum reizt besonders plastisch und performativ denkende Künstler. Die Koreanerin Hyun-Joo Jin konnte ihn mit merkwürdig gebauten Körperergänzungsobjekten nutzen, und der Schweizer Hannes Brunner, Professor für Bildhauerei in Kiel, umgab den Turm mit einer Reihe von Satellitenschüsseln. Obwohl es wenig haltbare Attrappen waren, ergab sich doch im Inneren eine Kaskade von vor sich hin brabbelndem Weltfernsehen.

Künstlerischer Wellenbrecher, Sendemast und Leuchtturm, der akustisch merkwürdige Turm mit seinen zwei aluminiumglänzenden Wasserrohren und pseudosakralen Fenstern ist ein Ort, an dem Kunst eine ganz eigene Wirkung entfaltet.

Zur Zeit wird eine Video- und Soundinstallation der dänischen Medien- und Earth-art-Künstlerin Eva Koch gezeigt. Für die Dozentin an der Königlichen Akademie Kopenhagen ist es nach Amsterdam, Barcelona, Glasgow, Madrid und Oslo die erste Einzelausstellung in Deutschland. Sie lässt im Turm ein Flüstern ertönen, das als der Begriff "No-Mad-Land" zu entschlüsseln ist: Nomadenland.

Nomaden sind Gruppen, deren Wohnsitz zeitweiligen Charakter hat, sagt die Ethnologie. Vielleicht sind Nomaden aber auch Leute, die grundsätzlich unterwegs telefonieren, deren Flugzeuge immer größer und deren Züge immer schneller werden, die auf elektronischem Wege in fernen Bibliotheken stöbern und denen rund um die Uhr das Weltwetter und die Aktienkurse zur Verfügung stehen.

Noch weiter vom Konkreten ins Symbolische weist ihre VideoprojektionVandgang (Wassergang): Auf einer Mole inmitten eines tosenden Meeres bewegen sich Menschen offensichtlich zielgerichtet. Doch der Grund ihres gefährdeten Strebens ist nicht zu erkennen. Das Ganze wird zu einem existentiellen Passagen-Bild von Bedrohung und Hoffnung, auch wenn man nicht weiß, dass das hier Gefilmte eine Szene aus dem indischen Subkontinent ist und Menschen zeigt, die einen islamischen Wallfahrtsort erreichen wollen.

Der begleitende, scheinbare Originalton der Meeresbrecher dabei ist zu 100 Prozent artifiziell. Es ist das Geräusch des weißen Rau-schens im TV zu wellenmäßigen Amplituden ausgesteuert und durch synästhetische Wahrnehmung dem aufschäumenden Meer zugeordnet. Dieser Aspekt medialisiert zusätzlich das Videostück von Eva Koch und macht es zu einer reduzierten Parabel im Umgang mit dem Meer der Medien.

Der Verein OHa-Kunst ist guter Dinge, sein Programm 2001 fortsetzen zu können, auch wenn die Erlaubnis der Wasserwerke und die Zuschüsse von Stadt, Kreis und Land jedes Jahr wieder neu erkämpft werden müssen. Eine Ausstellung der dokumenta-erprobten Saarbrückener Medienprofessorin Ulrike Rosenbach ist jedenfalls schon vereinbart. Der Künstlerverein OHa-Kunst es in der relativ kurzen Zeit von knapp vier Jahren geschafft, in Eutin eine alte Landmarke in einen attraktiven Ort junger Kunst zu verwandeln.

 Eva Koch: Vandgang, Wasserturm, Bismarkstraße, Eutin, täglich außer donnerstags 10 - 18 Uhr, bis 25. August; zu erreichen mit der DB ab HH-Hauptbahnhof in etwa 75 Minuten. Auf halbem Weg zwischen Wasserturm und Bahnhof empfiehlt sich die Mühlengaststätte "Zur alten Mühle" mit Biergarten und einer relativ preiswerten Speise- und Bierauswahl (ab 16 Uhr)

taz Hamburg Nr. 6220 vom 16.8.2000, Seite 23, 67 Kommentar, Hajo Schiff, Rezension